Revolution

Wie beginnt eine Revolution?

Der Dichter und Kritiker Ludwig Tieck beobachtete in London hungrige Proletarier, die er mit Wölfen verglich. Sie strichen durch die nächtlichen Ladenstraßen der Stadt, nur durch dünne Ladenfenster von den üppigen Delikatessen getrennt, die ihren Hunger gestillt hätten. Tieck wunderte sich, dass das dünne Glas, das ein einziger Stein hätte zerstören können, diese Menschen abhielt, die gesellschaftliche Ordnung zu brechen. Es muss eine Mauer in ihnen geben, die sie vom Übergriff abhält.

In welchen historischen Momenten Revolutionen beginnen, ist nach wie vor unerforschtes Gebiet. Die frühen Revolutionäre wie Georg Weerth hielten den Streik für den Anfang des modernen Widerstands. Später galten Barrikadenkämpfe als Auslöser für den Umbruch. Was ist das revolutionäre Subjekt? Die Vorgänger der kommunistischen Partei, jene Gruppe von Wilhelm Weitling, für die Karl Marx und Friedrich Engels das Kommunistische Manifest schrieben, nannte sich „Bund der Gerechten“. Für die frühen Revolutionäre war die Frage wichtig: „Nehmen wir an, die Revolution würde heute stattfinden, wie geht es morgen weiter?“

Der Historiker Dr. Patrick Eiden-Offe, Zentrum für Literatur-und-Kulturforschung Berlin, über das revolutionäre Subjekt und die Frage: Wie beginnt eine Revolution?

Das Auge der USA

Eine der dramatischsten Zeiten in der Weltgeschichte war der Dezember 1989. Wesentliche Ereignisse handelten in der Hauptstadt der DDR. War das eine Revolution? Drohte ein Bürgerkrieg? War eine Konfrontation der Großmächte möglich? Bedeutet der Anschluss der DDR an die Bundesrepublik, dass “4. Reich”? In diesen Tagen schien alles möglich und offen. Die Tagesläufe im Dezember 1989 verliefen rasant. Eben noch die Gipfelkonferenz zwischen Gorbatschow und Präsident Bush Senior auf Malta. Gleich darauf Besuch von Präsident Mitterrand in Ost-Berlin. Botschafter J. D. Bindenagel, heute Vizepräsident an der DePaul University in Chicago, war Gesandter der USA in Berlin. Als aufmerksamer Beobachter berichtet er von dem Geschehen.

Der politische Aufstand und die Kategorie der Plötzlichkeit

Im Sommer 1967, als nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg der studentische Protest um sich griff, war der Literaturwissenschaftler K. H. Bohrer Chef des Literaturblattes der FAZ. Als einer der Ersten befragte er die Studentenführer. Ausgesandt von einem konservativen Blatt bewegte er sich als Zeitzeuge mit größter Neugierde unter den studentischen Aufrührern. Immer im Disput mit seinem damaligen Freund Jürgen Habermas, der die reformerischen Ansätze der Protestbewegung favorisierte.

K.H. Bohrer dagegen interessierten die Plötzlichkeit und der enthusiastische Ereignischarakter des Aufbruchs. Er stellt jene Monate von vor 50 Jahren in den weiteren Zusammenhang der Revolutionen seit 1789 und den der Kategorie der Plötzlichkeit. Sein Buch, das er als Zeitzeuge und Literat verfasste, hat den Titel „Jetzt“.

Niemand betreibt Theorie ohne Grund

Der Ausbruch der studentischen Protestbewegung im Juni 1967 (begleitet von den Rebellionen in Paris und in Berkeley) liegt 50 Jahre zurück. Der politische Aufbruch war begleitet durch einen Hunger nach unbekannten Büchern. Der Enthusiast Peter Gente aus Halberstadt gründete aus diesem intellektuellen Aufbruch heraus später den Merve Verlag. Theorie, sagt Felsch, in Anknüpfung an Gente, ist etwas Aktives. Sie unterscheidet sich gründlich von der eher betrachtenden Hochschul-Philosophie. Es geht um Phantasie und Enthusiasmus. Die Renaissance der Theorie in den Jahren nach 1967 stützte sich stark auf die Kritische Theorie und deren Vertreter wie Walter Benjamin, Th. W. Adorno, aber auch auf den neu entdeckten frühen Marx und dessen sogenannte “Pariser Manuskripte”. Als der studentische Protest zu stagnieren begann, ersetzten die frischen neuen Theoretiker aus Frankreich wie Foucault, Derrida, Guattari und Deleuze den Bücherstrom und die Schwarzdrucke der Anfangszeit. Wie ein Scout sucht Philipp Felsch vom Kulturinstitut an der Humboldt Universität die Spuren eines bewundernswerten neugierigen Denkens, dem Menschen wie Peter Gente und Verlage wie der Merve Verlag und die Sachbuchabteilung des Suhrkamp Verlages in der Protestzeit vor 50 Jahren sich widmeten. Geschichte eines “langen Sommers der Theorie”.

Mitten im Strom

Die aktiven Revolutionäre, die den Oktober-Aufstand im Jahr 1917 anführten, passen in ein Zimmer und an einen übersehbaren Tisch in

Was unter die Haut geht

Als vor 50 Jahren im sogenannten “Summer of Love” (der Titel bezieht sich auf die Beatles-Songs, die gesungen wurden) der studentische Protest aufflammte, war K.H. Bohrer Chef des Literaturblatts der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Sofort brach er auf und war im Zentrum der politischen Kämpfe Zeuge: an der Freien Universität Berlin ebenso wie bei der legendären Trauerkundgebung für Benno Ohnesorg in Hannover. Sein Bericht verfügt über das scharfe Auge, über das nur die besessene Zuneigung für die Literatur verfügt. Als Autor und Universitätslehrer lebte er später an der Universität Stanford in den U.S.A. Er lehrte Hölderlin mit abgewendetem Blick von der sich zeitgleich im nur wenige Kilometer entfernten Silicon Valley sich entfaltender Digitalen Revolution. In seinem neuesten Buch “Jetzt” hat K.H. Bohrer seine Erinnerungen niedergelegt. Ein persönlicher Bericht, ein historisches Zeugnis und ein literarisches Ereignis. Im Zentrum stehen die Beobachtungsfähigkeiten Baudelaires und Walter Benjamins und vor allem die “Kategorie der Plötzlichkeit”, die K.H. Bohrer, als das Kulturmagazin NEWS & STORIES begann, mit phänomenaler Wucht schon einmal demonstrierte. Begegnung mit K.H. Bohrer und seinem Buch “Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie”.

Baustelle Revolution

Die Worte Revolution und Evolution bezeichnen die beiden Antipoden der Veränderung. Evolution ist das Gesetz des Lebendigen. Sie plant nicht. Evolution bastelt. Sie braucht gewaltige Mengen an Zeit. In dieser Weise schafft sie lang andauernde und riesenhafte Veränderungen. Der Revolution entspricht “umgekehrt” der abrupte Bruch, die Kategorie der Plötzlichkeit. Revolutionär beginnt eine neue Zeit. In unserem Jahr 2017 gibt es den 100. Jahrestag zum Februar und Oktober 1917, den beiden russischen Revolutionen. 50 Jahre sind es seit dem Sommer 1967, aus dem die Protestbewegungen in Berlin, Frankfurt, Paris und Berkeley hervorgingen. Die Wende von 1989 ereignet sich zeitgleich mit der grausamen Niederschlagung der Rebellion auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking und zugleich im Jubiläumsjahr von 200 Jahren der Großen Französischen Revolution. Der Arabische Frühling führte – erschreckend und enttäuschend – zum Elend von Aleppo. Alle Revolutionen hatten bisher einen unverwechselbaren Charakter. Ihre Erfahrungen sind unaufgearbeitet. Christoph Menke, Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Philosophie an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt/Main, Repräsentant der 3. Generation der Frankfurter Kritischen Theorie und Fellow im Wissenschaftskolleg zu Berlin zum Thema “Baustelle Revolution”. Es geht um einen archäologischen Grabungsort (für Ruinen aber auch für Neubau). Bisher hat keine Revolution ihre Versprechungen gehalten und dennoch sind Revolutionen die einzige radikale (d.h. die Wurzeln ergreifende) “Kunst des Neuanfangs”. Wie lernt man das “Anfangen anzufangen und fortzusetzen”? Die historische Erfahrung sagt: “Die Revolution beginnt erst am Tag nach der Revolution”, wenn der Zorn durch Dauerhaftigkeit und Arbeit ersetzt werden muss.

Die blutige Hand

Die Vorgänge in Ägypten lehren: für die Herrschaft gibt es keine Vorratshäuser des Pharao. Was ein Herrscher wie Mubarak in den fetten Jahren an Macht anhäuft, hilft ihm in den mageren gar nichts. Vor allem der Transfer beschädigter Macht auf ein neues Regime gehört zu den riskantesten Geschäften der Politik. In der Geschichte endete das oft mit der „blutigen Hand“. Der Historiker Prof. Dr. Michael Stürmer berichtet.

Wer die Wahrheit liebt, riskiert das Imperium

Die Implosion des sowjetischen Imperiums vollzog sich ohne Volksaufstand. Von oben nach unten fand die Teilung in die einzelnen GUS-Länder statt. Schon Gorbatschows Perestroika war zuvor kein Prozess, der von unten nach oben stattfand, sondern ein Reformversuch in engsten Kreisen, die für Kritik offen waren. Die Geschwindigkeiten der Kritik waren ungleich höher als die einer möglichen Praxis. Dabei wurden, so der Historiker Prof. Jörg Baberowski, die Strukturen zerstört, mit denen eine Emanzipation vielleicht hätte bewirkt werden können. Jörg Baberowski, Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, berichtet aufgrund seiner Forschungen und seines Buches.

Wir sind Tote auf Urlaub!

Auf den Alptraum des Ersten Weltkriegs antwortete in München 1918 die November-Revolution auf besondere Weise: sie begann früher als die in Berlin und sie war einfallsreicher. Im Februar 1919 wurde der Ministerpräsident Kurt Eisner von einem rechtsradikalen Attentäter ermordet. Danach wurde im April 1919 eine Räterepublik ausgerufen, deren Herrschaft etwa einen Monat lang währte. Sie wurde von der Reichswehr und dem Weißen Terror blutig niedergeschlagen. Legendäre Kämpfer in diesem Aufstand gegen den Krieg und die “alte Zeit”, die ihn hervorbrachte, waren Eugen Leviné, Oskar-Maria Graf und Ernst Toller.

Der Sänger und Regisseur Schorsch Kamerun und sein Ensemble, zu dem auch der ATTAC-Chor und Josef Bierbichler zählen, hat den anarchischen Ereignissen und den in ihnen aktiven Menschen ein “Konzert zur Revolution” gewidmet. Musik von Carl Oesterhelt. Uraufführung in den Kammerspielen München.

1917 – Ein Was-Wäre-Wenn-Jahr

Im 1. Weltkrieg erweist sich das Jahr 1917 als eine Besonderheit. Es ist das Jahr, in dem sich entscheidet, dass die USA in den Krieg eintreten. Erst das gibt den Ausschlag für die Niederlage von 1918. Es ist aber auch das Jahr, in dem das Deutsche Reich den 1. Weltkrieg auf kurze Zeit im Osten gewonnen zu haben scheint. Dies durch militärische Siege, aber auch die Revolution Lenins, zu dessen Programm ein unbedingter Friedensschluss mit Deutschland gehört. 1917 und Anfang 1928 reicht das deutsche Einflussgebiet über die Ukraine hinweg bis nach Tiflis. Paradoxerweise hat die Leitung des Deutschen Reiches das nicht bemerkt. Sie verlor alles im Sommer 1918. 1917 ist ein Jahr der Radikalisierung des Kriegs. Es ist “das Jahr, in dem sich jedes Fenster für einen Verständigungsfrieden schloss”. Der Historiker Prof. Dr. Markus Pöhlmann, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam, berichtet.

100 Jahre Russische Revolution

Die Bilder von der Machtergreifung Lenins im Jahre 1917, verbunden mit dem „Sturm auf den Winterpalast“ in St. Petersburg, stammen alle aus Gemälden und Filmen aus den späten 20er Jahren. Wie eine Lava-Schicht liegen der spätere Terror Stalins und die ihm vorausgehende Propaganda auf den realen Ereignissen. Im Jahr 2017, also nach 100 Jahren, macht es Sinn, wie ein guter Archäologe gerade die Anfangszeiten der Russischen Revolution auszugraben.

Die zwei russischen Revolutionen von 1917, die im Februar und die im Oktober, haben ihre Wurzel in der Russischen Revolution von 1905. Sie sind ohne diesen Zusammenhang nicht zu verstehen. Der krasse Unterschied zwischen der anfänglichen Vielfalt dieser revolutionären Bewegung zu dem späteren Erstarren in der nach Stalin benannten Planwirtschaft, wird gerade auf dem Hintergrund des frischen Elans von 1905 besonders deutlich. Max Weber in Heidelberg war 1905 von den Ereignissen in Russland (vor allem im Süden des Reiches) so beeindruckt, dass er anfing Russisch zu lernen. Seine berühmte „Zeitschrift für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik“ war ursprünglich bestimmt, diese politisch-sozialen Vorgänge zu verstehen. Wladimir Lenin und Max Weber sind einander nie begegnet. Möglicherweise hätten sie sich in der ersten Stunde ihres Dialogs bereits verzankt. 100 Jahre später aber wäre es – in einem Jahr, in dem sich viele Medien mit dem 100-Jahres-Jubiläum befassen werden – interessant, sich ein Nachtgespräch zwischen den beiden Geistern über den tatsächlichen Erfahrungsgehalt und die Einzelheiten des revolutionären Prozesses vorzustellen.

Der Osteuropa-Historiker Prof. Dr. Martin Aust von der Universität Bonn berichtet.

Nicht mal ich bin Stalin

Ein dynamisch in Entwicklung befindliches Gebiet der Geschichtswissenschaften ist die Emotionsgeschichte. Die Gefühle und ihre Benennungen, auch ihre Dominanzen, haben ein Eigenleben. Zorn, Autorität, Werte wechseln in jeder Generation ihre Bedeutung. Dies ist von großer Wichtigkeit, wenn man den Stalin-Kult und den Führer-Kult, also gesellschaftliche Artefakte der Propaganda, untersucht, in die – auch wenn diese Bilder künstlich hergestellt wurden und man den Mechanismus analysiert – gewaltige emotionale Bindungen der Menschen selber eingegangen sind.

Prof. Dr. Jan Plamper, Historiker an der University of London und Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, hat diese Zusammenhänge in seinem Buch über den Stalin-Kult dargestellt. Er vergleicht darin auch die andersgelagerten, aber ebenso aus politischer Absicht von oben und emotionaler Bindung von unten entstandenen Kulte um Adolf Hitler und den Duce Mussolini, wiederum bei genauer Betrachtung zwei höchst verschiedene gesellschaftliche Produkte.

Wer Stalin als Mensch tatsächlich war, ist nicht mehr festzustellen. Seine Taten, die Propagandamaschine und die mit der Stalin-Zeit verbundenen lebensgeschichtlichen Vorstellungen der Menschen haben den authentischen Mann vollständig überlagert. Er selbst hat offenbar diese Differenz gesehen. Als er einen seiner Söhne betrunken vorfindet und ihn zurechtweist, weil er sich bei seiner Festnahme auf den Namen Stalin berief, sagt der Diktator: “Nicht einmal ich bin Stalin”.

Begegnung mit dem Historiker Dr. Jan Plamper.

Gericht über Gott

Die Russische Revolution war nach 1917 mit dem Analphabetismus in Russland konfrontiert. Es wurden Alphabetisierungskampagnen begleitet von der Elektrifizierung Sibiriens in Gang gesetzt. Die Revolutionsregierung sah aber rasch, dass sie ihre Ansätze nicht in Schriftform und nicht in Form von Paragraphen ins Volk bringen konnte. Die sogenannte “Proletkultbewegung”, die zeitweise mehr Mitglieder aufwies als die Partei, veranstaltete deshalb GERICHTSTHEATER. Auf improvisierten Bühnen wurden die neue Zeit, die neuen Gesetze und Regeln und die zu bekämpfenden Missstände abgehandelt: revolutionäres Gerichtstheater. Eine Vorführung davon im Jahr 1926, “Gericht gegen ein Kurpfuscherin”, beschreibt Walter Benjamin in seinen Moskauer Tagebüchern. Diese Gerichtstheater verbanden Unterhaltung, Volksbelustigung und Erziehung. Es gab “Gericht gegen Lenin” (das für diesen positiv ausging), “Gericht gegen einen Erntedeserteur” oder ein “Gericht über Gott” und Tausender anderer Gerichtsfälle. In der Gerichtsverhandlung diente das Publikum als Richter, ähnlich wie im jüngst aufgeführten Drama “Terror!” von Ferdinand von Schirach. In dem “Gericht über Gott” bestand das Volksvergnügen darin, dass offensichtlich keine ladungsfähige Anschrift für den Angeklagten ermittelt werden konnte. Wenn es ihn nicht gibt, kann er auch nicht verurteilt werden. Am Ende werden an seiner Stelle ein Mullah, ein Rabbi und ein orthodoxer Pope angeklagt. In der frühen Phase der Revolution, in der diese Form des Gerichtstheaters üblich war, ist man weit entfernt von den Schrecken der Schauprozesse. In ihnen macht sich die Wirklichkeit zum Theater, anstatt dass das Theater die Wirklichkeit abbildet. Dies in grotesker Umkehrung dessen, was das spielerische Gerichtstheater einst war. Die Slawistin Prof. Dr. Sylvia Sasse, Universität Zürich, berichtet.

Lebertran für den Geist

Die Theorie von Marx und die revolutionären Forderungen nach 1917 waren materialistisch. Kein Glauben an spirituelle Kräfte, Vertrauen auf die materielle Produktion und die Ökonomie. Man sollte also annehmen, dass es sachlich und nüchtern vor sich geht.

Tatsächlich gibt es eine Fülle von Projekten zur Entwicklung des Neuen Menschen, die mit spirituellen und alchemistischen Methoden arbeiten. Es gibt das „Psichon, das bio-magnetische Medium“, das die Gesellschaft durchströmt, es gibt den „sowjetischen Äther“, das „Elektroauragramm des Gehirns“, Befehle in Gedanken, die die Massen ergreifen. In die Ferne wirkende Wünsche und fernsehgrafische Leidenschaften. Noch 1989 wird die mediale Ansteckung diskutiert. Ein Geisterreich, das Menschen verbindet. Dies alles mischt sich mit der Selbstbeobachtung und der von dem Arbeitszeitmesser Taylor, der für die Ford-Werke in den U.S.A. arbeitete, entwickelten Zerlegung der Arbeitsvorgänge zum Zwecke ihrer Optimierung. Sie wurde in der Sowjetunion begeistert aufgegriffen.

Die bunte Skala der Versuche, den Neuen Menschen in Russland zu entwickeln, beschreibt Wladimir Velminski von der ETH Zürich.

Psychotechnik und Avantgarde

Die russische Revolution bedeutete für die Avantgarde eine Stunde Null. Das Schwarz im legendären Quadrat von Malewitsch war offen für alle Farben. Es durchbricht die Anbetung des Lichts und wendet sich gegen die “Tyrannei der Sonne”. Der Architekt Nicolai Ladovsky gründete ein Laboratorium, in dem die Fähigkeiten des Wohnens, des Sehens, des Bauens und des Zusammenlebens neu auf den Prüfstand gestellt wurden. Der neue revolutionäre Mensch braucht renovierte Sinne. Dem Architektenkollegen Corbusier, der während seines Moskauaufenthalts gastweise sich in Ladovskys Laboratorium testen ließ, wurde mangelndes architektonisches Sehen und eine falsche Auffassungsgabe was Räume betrifft bescheinigt. Ganz anders die Arbeiten des jungen Filmregisseurs Wsewolod Pudowkin, der seinen ersten Film über das Institut des Physiologen Pawlow und dessen Hundeversuche machte. Wiederum ganz anders war der Ansatz von Alexander Bogdanow, des Begründers der Proletkult-Bewegung, die zeitweise mehr Mitglieder aufwies als die bolschewistische Partei. Er propagierte die radikale Zusammenarbeit von Stadt und Land und die “Organisation gesellschaftlicher Erfahrung”. Er vertrat aber auch die “Sozialisierung des Blutes”. Der Gleichheit nähern wir uns erst an, wenn die älteren Menschen massenweise ihr “erfahrenes”, immunologisch gefestigtes Blut mit dem junger Menschen austauschen. Deren Blut wiederum bringt den Alten neue Kraft und Lebensverlängerung. Bei einem Selbstversuch in dieser Richtung starb Alexander Bogdanow aufgrund der Organabstoßung, die den menschlichen Immunkräften eigen ist. Wie bei einer Explosion streben die Tendenzen der Avantgarde unmittelbar nach 1917 in alle Richtungen vorwärts und auseinander. Alles dieses Neue wird nach wenigen Jahren durch die aufkommende Bürokratie erstickt. Dr. Margarete Vöhringer, Kunst- und WIssenschaftshistorikerin am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin, über die revolutionäre Welt unmittelbar nach 1917 in Russland.

Revolutionen in Frankreich

Der Autor Eric Hazan, Chef des renommierten Buchverlages LA FABRIQUE, schrieb zwei Bücher: “Die Geschichte der Französischen Revolution” und “Die Entstehung von Paris”. In dem Gespräch mit ihm geht es um die Frauen der Revolution, um die Barrikaden in Paris und die Verschiedenheit der Commune von 1871 gegenüber der Revolution von 1848, in der die Arbeiterklasse isoliert blieb und unterlag. Davon verschieden ist die Juli-Revolution von 1832 und die Großen Französischen Revolution von 1789. Die Kämpfe finden zu Anfang im Zentrum von Paris statt und gehen allmählich in den folgenden Revolutionen in die Peripherie, die Vorstädte, wo die Arbeiter wohnen. Die Erzählung von den Revolutionen ist fast immer überdeckt durch die nachträgliche Deutung durch diejenigen, die ihr nachfolgten. Wie Lava bedecken spätere Phrasen die Fundorte. So ist es, wie Eric Hazan betont, eine Phrase, dass in der Revolution von 1789 das Bürgertum die Feudalherrschaft ablöste. Der Adel war durch Könige wie Ludwig XIV längst entmachtet. In der französischen Sprache unterscheidet man deshalb den Bürger (le bourgeois) von den Gründern der neuen Republik (les citoyens). Die Revolutionäre der ersten Französischen Revolution waren besonders jung. Sie lassen sich in kein Klassenschema und in keine äußere Logik einfügen. Sie sind “enragés” und im revolutionären Moment “außer sich”. Begegnung mit Eric Hazan, dem besten Kenner von Paris und seiner Revolutionen seit Jules Michelet.

Das Fallbeil war ihr Ende

Die beiden Männer waren voneinander grundverschieden, nach Charakter, Herkunft, Rang und Gestalt. Beide aber, der König und der Revolutionär, Ludwig XVI. und Robespierre, endeten unter dem Fallbeil. Beide zögerten sie direkt nach der Macht zu greifen, die sie jeweils zu einem bestimmten Moment sich hätten verschaffen können. Sie waren Zauderer. Die Tragweite ihrer Absichten und dieses Zögern besiegelte ihren Tod. In seiner Doppelbiographie über den König und den Jakobiner stellt der historische Autor Uwe Schultz seine beiden Protagonisten in den Fluss der Kräfte und Gegenkräfte, welche die Große Französische Revolution bestimmten. Es ergeben sich scharfe Kontraste.

Die schöne Schäferin und die Revolution

Von der Marseillaise bis zu politisch umgemünzten Varianten von Liedern über die schöne Schäferin (gemeint ist die Königin Marie-Antoinette, die unter der Guillotine endete) wird die große Französische Revolution permanent von Musik und Gesang begleitet. Das ist ein anderes Bild als das der gewohnten Geschichtsschreibung. Die Romanistin Ulrike Sprenger, Universität Konstanz, erläutert eindrucksvoll diese “Zeitgeschichte mit Musik.”

Im Zweifel die Todesstrafe

Spektakuläre Prozesse kennzeichnen die Französische Revolution. Berühmt sind die Verfahren gegen den König und gegen den Revolutionär Danton. Die Revolution

Ich glaube an Solidarität!

Zum Selbstbewusstsein der klassischen Arbeiterbewegung gehörte der Generalstreik. Wird er als politischer Streik ausgekämpft, stürzt er Regierungen. Lucy Redler, eine junge Politikerin, die sich mit ihrer Gruppe “links von der Linken” positioniert, hat über den politischen Streik in der Bundesrepublik seit 1945 eine Arbeit geschrieben. Sie gilt als “Trotzkistin”. Was heißt es, im 21. Jahrhundert links zu sein? Was ist heute ein Trotzkist? Wem kann man in der Politik vertrauen? Wem vertraut Lucy Redler auf keinen Fall? Die Gruppe um Lucy Redler umfasst eine ähnlich kleine Zahl wie diejenige, die einst Rosa Luxemburg im Kampf gegen den 1. Weltkrieg um sich scharrte.

Montag: Feuerwerk. Dienstag: Demonstration. Mittwoch: Revolution

Im 18. Jahrhundert, weit vor Ausbruch der Großen Französischen Revolution, machte der Fischer-Aufstand von Neapel vom Mai 1647 einen nachhaltigen Eindruck auf die europäische Öffentlichkeit! Der Anführer dieser Revolte, ein Fischer namens Masaniello, beschäftigte die Phantasie. Die revolutionäre Bewegung wurde ausgelöst, als den plebejischen Schichten in Neapel, die von freiwachsendem Obst und gelegentlichen Jagdausflügen lebten, durch eine Obststeuer dieser Zugang „zu dem, was die Natur bietet und die Reichen ihnen verweigern“ versperrt wurde. Masaniello als Anführer hatte eine charismatische Ausstrahlung. Er wurde ermordet. Von dieser Revolte handeln zahllose Dichtungen und mehr als sieben Opern. Die letzte dieser Opern, Auberts „Die Stumme von Portici“, zeigte noch 1832 eine so starke revolutionierende Kraft, dass die Opernbesucher auf die Straße gingen und die Wallonische Revolution in Brüssel auslösten.

Dr. Patrick Eigen-Offe vom Zentrum für Literatur und Kulturforschung Berlin untersucht das Echo der Begriffe „Klasse“, „Revolte“ und „Proletariat“ in Literatur, Musik und den Künsten. Für die herrschenden Schichten waren die immer wiederkehrenden Revolten ein unheimliches Phänomen. Sie verglichen die Revolten mit der Hydra, sich selbst mit Herakles. Die Eigenschaft der Hydra wie auch die der Revolutionen erscheint in ihrer Sichtweise als so gefährlich, weil die Hydra viele Schlangenhäupter besitzt und für jedes, das ihr abgeschlagen wird, zwei neue wachsen. Erst als Herakles die Wunden der Hydra mit Stumpf und Stiel ausbrennt, bricht dieses Wachstum ab. In der literarischen und künstlerischen Spiegelung der Revolution wird die Angst vor ihr und die Grausamkeit der Konterrevolutionen erst richtig sichtbar.

Die neue Macht der Alten

Stets, wenn der Anteil an Jugendlichen in einer Gesellschaft mehr als 20 % betrug, entstanden gesellschaftliche Krisen: die Französische Revolution, der 1. Weltkrieg, der Nationalsozialismus als Jugendbewegung, die Instabilität in der muslimischen Welt. Heute müssen wir uns auf eine entgegengesetzte Asymmetrie zwischen Alt und Jung vorbereiten. Sie wird, heißt es in dem aufregenden Buch von Dr. Frank Schirrmacher, Autor und Mitherausgeber der FAZ, „Das Methusalem-Komplott“, das 21. Jahrhundert bestimmen. Sie wird einen asymmetrischen Krieg zwischen den Generationen auslösen, wenn kein neuer Generationenvertrag, der die demografischen Tatsachen berücksichtigt, zustande kommt. Dr. Frank Schirrmacher im Gespräch.