Arbeit ist das halbe Leben

Das flexible Gedächtnis

Prof. Dr. Eric R. Kandel, Columbia University New York, gilt als “Einstein der Hirnforschung”. Im Jahr 2000 erhielt er den Nobelpreis für Medizin für seine Forschungen über die biologischen Grundlagen des Geistes. An einer sehr einfachen Schnecke, die besonders große Nervenzellen besitzt, dem “Seehasen”, entdeckte er Proteine, aus denen das Langzeitgedächtnis besteht. Begegnung mit dem Nobelpreisträger Eric R. Kandel. Aus Anlass seines neuen Buches: “Auf der Suche nach dem Gedächtnis”.

Wir Philosophen aus der Rippe Evas

200 Jahre nach Beginn der Französischen Revolution erschien 1989 das erste Werk des streit lustigsten der Philosophen Frankreichs: MICHEL ONFRAY, DER BAUCH DER PHILOSOPHEN. Schlag auf Schlag folgten jährlich weitere Publikationen. Alle kommen sie aus dem subversiven Denken, das sich aus der KYNISCHEN VERNUNFT des Diogenes herleitet. Militant operiert Onfray gegen alles Religiöse. Ein „Tribun des Volkes für das Projekt der Aufklärung“. Dieses Projekt führt keine Historie auf, sondern versteht sich als Angriffswaffe im 21. Jahrhundert. Inzwischen hat der Arbeitersohn aus der Normandie, der durch viele Examen durchfiel, eine eigene Volksuniversität in Caen eröffnet.

Onfray empört z. B. die Behauptung der Bibel, die wissensdurstige Eva sei aus der Rippe Adams entstanden. Er dreht das um: wir, die Philosophen, stammen aus der Rippe Evas: aufgrund von deren Wagemut, „wage dich, deines eigenen Verstandes zu bedienen und esse vom Baum der Erkenntnis“. In solcher Weise liest er in religiösen Überlieferungen unbefangen wie in Texten von Tacitus. Mit großer Aufmerksamkeit und mit definitivem Unglauben. Sein neuestes Buch „Den Islam denken“ beruht auf präziser Lektüre des Koran. Das Bild ist differenzierter als üblich. Die Debatte hat Onfray erneut auf alle Titelseiten der französischen Presse gebracht. Militant und rücksichtslos geht er gegen den Schematismus der öffentlichen Meinung und der „political correctness“ vor, die „Texte der wirklichen Verhältnisse“ wie die Attentate in Paris und Brüssel nur zudeckt und nicht erklärt. Eine Nachricht, sagt er, hat eine Lebenszeit von 72 Stunden. Eine gründliche politische Erfahrung, und damit eine Frage an den Philosophen, braucht gut 100 Jahre, um stabil zu sein.

Oft wird über Onfray debattiert, ob er neuerdings mehr links oder mehr rechts reagiere. Der Philosoph liegt quer zu diesem Schematismus. Auf die Frage, mit wem er sich in der Französischen Revolution am meisten identifiziere, antwortet er: mit der Mörderin des Marat, Charlotte Corday, im Moment, in dem sie umgebracht wird.

Seiner philosophischen Herkunft nach nennt Onfray sich einen Schüler Nietzsches. Eine seiner dichtesten Parabeln aber stammt von Arthur Schopenhauer: DIE ZWEI SIBIRISCHEN STACHELSCHWEINE. Draußen ist es extrem kalt, die Kälte treibt uns menschliche Stachelschweine eng zueinander. Wir haben Stacheln. Das treibt uns wieder auseinander. So ist Balance zwischen zu nah und zu weit weg und kein Entweder/Oder das Gebot der Stunde.

Begegnung mit Michel Onfray in Paris.

Vom Ur-Ozean und von Snowball-Earth

Hat der Ur-Ozean ursprünglich den ganzen Planeten bedeckt? Was geschah mit dem Leben während und nach der Großen Eiszeit, die man Snowball-Earth nennt. Wie entwickelte sich die Vielfalt des Lebens, das ursprünglich wie im Garten Eden in den Tiefen der Meere miteinander ko-existierte und wie entstand daraus das Prinzip: “fressen und gefressen werden”. Der Geo-Biologe und Paläontologe Prof. Dr. Bernd-D. Erdtmann berichtet.

Erst die Musik, dann die Worte

Lungenfische und Löwen, Nachtigallen und Wale äußern sich durch Laute und sie “singen”. Aber nur Menschen haben eine grammatische Sprache entwickelt. Entstanden die Wörter dieser Sprache einzeln? Oder gab es zuerst die “Sprache minus Bedeutung”, d.h. die Musik? Der Bioakustiker Prof. Dr. William Tecumseh Fitch von der Harvard University erforscht die Evolution der Sprache. Es geht um den gesellschaftlichen Ursprung der Sprache.

Drei Schiffe zum Glück

Auf hoher See, in exterritorialen Gewässern des Mittelmeeres, kreuzen die Schiffe des Kapitäns de Munoz. Gegen hohe Gebühren verwahrt er dort illegale Einwanderer, die an den Küsten Europas zurückgewiesen, aber von ihren Heimatländern nicht zurückgenommen werden. Die Unterbringung auf den drei Schiffen des Kapitän de Munoz unterscheidet sich deutlich von den vom deutschen Minister des Inneren geplanten Camps auf nordafrikanischem Boden. Auch Weiterbildung ist auf den Schiffen des Kapitäns möglich. Wächst auf den Meeren eine zweite Menschheit heran? Kapitän den Munoz berichtet. Peter Berling als Kapitän de Munoz.

Vom Lachen und dem aufrechten Gang

Die Gesichter von Affen und Menschen besitzen 50 Muskeln. Sie sind nötig für Mimik, das Lachen und das Weinen: 60 Millionen Jahre Evolution waren nötig, um diese Eigenschaften, die für die Bildung von Gesellschaften Voraussetzung sind, zu entwickeln. In einer langen Zeitspanne entstand auch der aufrechte Gang. Der Biologe Prof. Dr. Carsten Niemitz, Freie Universität Berlin, hat Forschungen vorgelegt, die darauf hindeuten, dass der aufrechte Gang vor allem dadurch begünstigt wurde, weil Menschen ursprünglich ihren evolutionären Vorteil in der Zone zwischen Wasser und Land suchten. Sie waren Ufertiere. Prof. Dr. Carsten Niemitz über das Lachen und die Geheimnisse des aufrechten Ganges.

Zauberwelt der Evolution

Die DNA von Tieren und Menschen gehört zu den Spitzenprodukten der Evolution. In den lebendigen Körpern existiert sie gefaltet und in kondensierten Strukturen. Als Faden aneinandergefügt, reicht die DNA eines einzigen Menschen 200-mal von der Erde zur Sonne und wieder zurück. Dies ist ein Beispiel für die Vielfalt des Lebens. Die erstaunlichsten Ergebnisse dieser Vielfalt beruhen nicht auf Rivalität, sondern auf Kooperation.
Prof. Dr. Peter Hammerstein, Sprecher des Sonderforschungsbereichs “Theoretische Biologie” an der Humboldt-Universität zu Berlin, berichtet über verblüffende Tatsachen aus der Zauberwelt der Evolution.

Der Große Räuber Assur

Unsere heutige europäische Zivilisation hat ihre Wurzeln im Morgenland: In der Erfindung der Stadt und der urbanen Lebensweise in dem Land zwischen Euphrat und Tigris. Auf die Stadtgründung von Uruk und den daraus entstehendem Reich folgte das Reich Assur. Die neueste Forschung, vor allem auch die von Prof. Dr. Karen Radner, zeigt die Metamorphosen dieses mächtigen Gesellschaftssystems. Man muss sich Assur zunächst als ein Kolonien bildendes, kaufmännisch dominiertes Gemeinwesen vorstellen, ähnlich der späteren Republik Venedig. Danach entwickelten sich in Assur eine Kriegerkaste und die Kriegstechnik der Streitwagen. Assur dehnte seine Herrschaft über den ganzen damals bekannten Weltkreis bis nach Ägypten aus. Nach einer überlangen Herrschaft eines mittelmäßigen Herrschers folgte dann ein Kindkönig. Usurpatoren traten auf, Bürgerkrieg zermürbte das Reich. So kam es zu einem in Wahrheit allmählichen, für unseren historischen Fernblick aber “plötzlichen” Sturz des großen Räubers Assur. Die Inhaberin des Humboldt-Lehrstuhls an der Ludwig-Maximilian-Universität, Prof. Dr. Karen Radner, berichtet lebendig und aus eigener Kenntnis als Ausgräberin von diesen dramatischen Phasen der Geschichte der frühen Menschheit, der wir Buchhaltung, Religion, Astronomie, Gesetzgebung, große Epen wie den Gilgamesch verdanken, nicht nur Krieg. Das alles geschah auf dem Boden des heutigen Irak und Syriens.

Raubstaat Assur

Zwischen 1414 und 609 vor Christus herrschte das Regime von Assur vom Euphrat bis zum Nil und lebte von seiner Beute. Das waren schöne und kluge Leute, aber besessen von Gier: “gelehrte Räuber”. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht (sie waren gerade dabei, das 100-jährige Theben weit im Süden Ägyptens zu erobern), brach binnen drei Jahren das Großreich zusammen. Raubstaaten haben kein ewiges Leben. Die Alt-Orientalistin Prof. Dr. Eva Cancik-Kirschbaum, Freie Universität Berlin, ist Spezialistin für das Reich von Assur.

Vom Euphrat kommt, was wir sind

Flüchtlinge aus Syrien tragen in ihrem Innern die lange Geschichte ihres Landes mit sich: Nord-Syrien gehört zu den ältesten Zivilisationen der Menschheit. An den Ufern des Euphrat entstanden in Teilen des heutigen Irak und in Nord-Syrien die ersten Siedlungen, Städte, Plantagen und Gemeinwesen. Parallel und in Einzelfällen vor den Zivilisationen am Nil, am Indus und am Gelben Fluß. Nach Angaben des Alten Testaments und der Auslegung durch rabbinische Gelehrte lag das Paradies zwischen Euphrat und Tigris und zwei weiteren Flüssen, die in der Bibel genannt sind und die wir heute nicht mehr identifizieren können. Prof. Dr. Adelheid Otto, Vorsitzende der Deutschen Vorderasiatischen Gesellschaft, ist aktiv als Archäologin tätig. Für viele Jahre leitete sie eine Rettungsgrabung in dem Gebiet in der Nähe von Raqqah, das heute das Zentrum des IS darstellt. Der Posten, der die Grabungsstätte mit einer Schrotflinte bewachte, wurde von den radikalen Islamisten umgebracht. Sie vernichteten auch eine große Zahl der archäologischen Funde. Oasenartige Üppigkeit und wüste Steppe liegen entlang des Euphrat eng beieinander. Wie das Land aussieht, das jetzt im Bürgerkrieg umkämpft ist und aus dem die Flüchtlinge kommen, wissen in der Bundesrepublik wenige. Die Bevölkerung des Landes ist äußerst differenziert zusammengesetzt. Was sind Drusen? Was sind Alewiten? Gibt es dort noch Abkömmlinge der Phönizier, der Aramäer, der Assyrer bis heute? Wie viel Unterschiede gibt es unter den Sunniten und Schiiten? Das Gebiet, in dem die Ausgrabungen von Adelheid Otto stattfanden – gegenwärtig gräbt sie nicht in Syrien, sondern im Tall Bazi in der Nähe von Mosul – war in der Geschichte nie für längere Zeit friedlich. Von der Okkupation durch die kriegerischen Assyrer lange vor Christi Geburt über das römische und byzantinische Regime, über den Mongoleneinfall bis zur arabischen Eroberung, in der französischen Besatzungszeit bis zur heutigen Krise war dieses an sich “gesegnete Land” brutalen Kriegen ausgesetzt. Die archäologischen Grabungen (und die konkrete Kenntnis des Landes) zeigen eine Welt, die bis in die Zeit von vor 12.000 Jahren zurückreicht und Zivilisationen hervorbrachte, von denen unsere europäische Zivilisation in vielen Punkten unmittelbar abstammt. Begegnung mit Prof. Dr. Adelheid Otto, Leiterin des Archäologischen Instituts an der LMU.

Vertauschte Köpfe

Eine letzte Blüte der historisch-materialistischen Wissenschaft findet sich in Transnistrien. Der dort übrig gebliebene Rest der Sowjetunion beherbergt den Akademiker Prof. Dr. med. Sedow. Er ist spezialisiert auf die Transplantation von Köpfen bei Tieren und neuerdings auch von Menschen. So kann der Kopf eines Menschen, dessen Körper an Krebs erkrankt ist, im Notfall auf den Leib eines soeben tödlich verunglückten jugendlichen Motorradfahrers gesetzt werden und so einen Neuanfang gewährleisten. Peter Berling als Akademiemitglied Prof. Dr. med. Sedow.

Sterben unter Kostendruck

Über Tausende von Jahren galt für Menschen die ZYKLISCHE ZEIT der Landwirtschaft, der Jahre und der Generationenfolge. Die Moderne, in der wir seit etwa 400 Jahren leben, fügte die LINEARE ZEIT des industriellen Fortschritts hinzu. Gibt es an der Schwelle des 21. Jahrhunderts eine radikale, neue Veränderung des Zeitgefühls? Eine Frau kümmert sich um ihr Kind und kocht, zugleich telefoniert sie, weil sie berufstätig ist, über das Handy. An diesem Tag geht es um wichtige Entscheidungen über die Zukunft ihres Mannes: drei verschiedene Zeitgestalten, alle simultan. Menschen leben heute MULTI-PHASISCH. Was bedeutet es für das Zeitgefühl, wenn ein Mensch nicht in einem Lebenslauf, sondern in mehreren zugleich lebt? Wie werden Menschen geboren und wie können sie sterben, wenn die Zeitverkürzungen, die durch Kostendruck erzeugt werden, in die Lebenszeit einwirken? Lebenswelt kämpft gegen Systemwelt. Eine der wichtigsten Veränderungen an der Schwelle des 21. Jahrhunderts ist nicht die Globalisierung, sondern die Veränderung der Zeitstruktur. Alle früheren Zeiten bleiben gültig und gleichzeitig kommt die elektronische Zeit hinzu. Prof. Dr. Christine Morgenroth, Sozialpsychologin, berichtet.

Haben Sie Ihren Sarg schon organisiert?

Die Dienstleister des Todes nennen sich Thanatologen. Ihre Stichworte heißen: Bestattungskultur und Trauerqualität. Gerade diese beiden Begriffe verändern sich derzeit in Mitteleuropa vehement. An die Stelle des überlieferten Friedhofszwangs und des Schematismus treten die Ideale Individualisierung und Globalisierung. Jeder soll nach seiner Fasson bestattet werden. Dr. Lange, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Bestattungsunternehmen e.V., berichtet.

Ewige Jugend

Es geht um “Rassenhygiene”, Verjüngung und “ewiges Leben”. Vom späten 19. Jahrhundert bis zum Dritten Reich wurde an dem Idol der Verjüngung experimentiert. Durch Menschenversuche, Versuche an Tieren, durch Verabreichung von Hormonen und durch Operationen. “Jugend ist physische Revolution”. “Den Verjüngungsbazillus bringt niemand mehr hinaus”. Im 21. Jahrhundert haben sich die Methoden und die Bezeichnungen geändert, das Verlangen nach Verjüngung ist gleich geblieben. Heiko Stoff über sein Buch “Ewige Jugend”.

Cosmic Web

6.000 Sterne konnte ein Jäger oder Seefahrer in der Antike mit bloßem Auge unterscheiden. Die moderne Astrophysik von heute erforscht Trilliarden von Sternen, Galaxien und Galaxienhaufen. Wir befinden uns im goldenen Zeitalter der Kosmologie. Dabei ist die sichtbare Materie der Sterne und Sterneninseln (“Baryonenmaterie”) nur ein kleiner Prozentsatz der tatsächlichen Masse des Universums. Mehr als 70% sind dunkle Materie und dunkle Energie, die für uns unsichtbar sind, aber für den Kosmos entscheidende Wirkungen haben. Dieses Universum unterliegt (wie das Leben) einer Evolution: Mutation, Selektion. Ihr verdankt der Kosmos seine Robustheit, Gleichförmigkeit und Schönheit. Begegnung mit Prof. Dr. Günther G. Hasinger, Direktor am Max Planck Institut für Extraterrestrische Physik in Garching, mit Dr. Matthew Coleman und Dr. David Weldrake vom Max Planck Institut für Astronomie in Heidelberg und dem Planetologen Prof. Dr. Gerhard Neukum von der Freien Universität Berlin. Es geht um die Entwicklung des Universums als Ganzem, um Paralleluniversen, aber auch um Besonderheiten wie die Zwerggalaxie Herkules (eine unserer Nachbargalaxien, auch Zigarren-Galaxie genannt), die offenbar um die Milchstraße rotiert und vor etwa 4 Milliarden Jahren sich durch das Zentrum unserer Galaxie bewegte (wodurch die zigarrenförmige Gestalt entstand). Interessante Besonderheiten sind inzwischen auch bekannt über extrasolare Planeten und die Lebensumstände auf dem Saturnmond Titan. Ein Doppelprogramm von 90 Minuten über das kosmische Netz und die Evolution im Universum.

Oswald Spengler, der aus Sachsen-Anhalt stammt, veröffentlichte 1918 das Buch DER UNTERGANG DES ABENDLANDES. Was wird das 20. Jahrhundert bringen? Wo werden wir Europäer im 21. Jahrhundert sein? Was geschieht mit der Kultur? Wie geht das Abendland unter? Rolf Hochhuth kontextiert den von ihm respektierten Oswald Spengler mit dem, so Hochhuth, unterschätzten Bismarck. Dieser war laut Hochhuth der Mann, der im Reichstag ein Gesetz einbrachte: “Recht auf Arbeit für jedermann”.

Erstausstrahlung am 19.07.1998